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Se
Abenteuer Offline
27.09.2018 23:30
Mirror of modern ages

Hand aufs Herz:
Wir verbringen doch alle viel zu viel Zeit an diesen blöden Dingern.
Wir starren so oft mit müden Blicken in diese kleinen und grösseren Technikwunder, die wir für die Fenster zur Welt halten.
Wir lassen zu, dass diese Geräte, die im Gedanken entwickelt wurden uns Zeit und Mühe einzusparen, immer mehr vereinnahmen: Da, Messengerkettenbriefe! Da, Anruf für trivialen Informationsaustausch! Da, Spam-Nachricht! Da, Meldungen von facebook, die nicht mal welche sind!

Dieses Phänomen schliesst mich mit ein; auch ich bin ein Sklave der modernen Zeiten, oft sogar gerne, mehrheitlich. Doch ab und an bricht in der Hektik meines Alltags mein inneres 90er-Kind heraus, als die Welt noch aus Analogliteratur und realen Simulationen von Facetimegesprächen bestand.

So bemerkte ich heute, dass ich in der morgendlichen Eile ohne Smartphone das Haus verliess. Bereits nach dem Bruchteil einer Sekunde verwarf ich den Gedanken, wegen solch einer Lappalie zu spät zum Dienst zu erscheinen: Ich werde es doch wohl noch einige Stunden ohne diese Kiste schaffen, ohne gleich zum Pixelzombie zu mutieren!

Ich schaffte es auch, was mich zugegebenermassen doch etwas beruhigte.
Zwar fehlte mir in einigen, wenigen Sekunden des Leerlaufs das sinnfreie Scrollen auf irgendwelchen Just-for-Fun-Newsseiten, auf dem Heimweg vermisste ich die Musik im Ohr, aber sonst lief es überraschend gut! Ich dachte nur selten an mein psychisches Beatmungsgerät, denn ich hatte genug zu tun und mein eher introvertiertes Wesen genoss es fast schon zu sehr nicht irgendwelche roten Benachrichtigungskennzeichen bekämpfen zu müssen.

Stattdessen habe ich also Datenvolumen gespart, mich stattdessen im Busz angeregt mit einer befreundeten Dorfbewohnerin unterhalten, die ich lange nicht gesehen habe und die mich am Samstag zu ihrem 60. Geburtstag zum Essen eingeladen hat. Ich habe mich produktiv in die Arbeit gestürzt statt mit dem Telefon (vielleicht?) einen desinteressierten Eindruck zu machen und für mein Engagement ein sehr positives und vielversprechendes Feedback erhalten. In der Pause habe ich dem Zwitschern der Vögel im Seebach gelauscht und der Stille der nahen Kirche, anstatt Strom für Lieder zu vergeuden, die ich ohnehin in- und auswendig vor mich hersummen kann.
Stattdessen habe ich mich in aller Ruhe durch mein Metal-Magazin gelesen, die edel bedruckten Seiten zwischen den Fingern gespürt.
Und müsste mein innerlich erfreutes Kind alle diese tollen Sachen nicht noch um diese Uhrzeit extra mitteilen, hätte ich sogar noch etwas mehr dringend benötigten Schlaf...!

Ich sollte mir viel öfter solche smartphonefreie Tage gönnen.
Nicht nur aus Versehen.

Schönheit
Retrospektive

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