03
Ap
Kinotipp: Maria Magdalena
03.04.2018 19:10
Filmplakat

Im neuen Kinofilm von Garth Davis steht Maryam von Magdala, die wohl prominenteste Gefolgin des Messias, im Zentrum. Innerhalb von zwei Stunden begleiten wir die junge Frau bei ihrer bewegenden Reise durch das gelobte Land, von ihrer persönlichen Rebellion gegen die gesellschaftlichen Normen bis zu ihrem bewegenden Appell an die Botschaft der Liebe, die sie allen Widrigkeiten zum Trotz in die Welt hinausgetragen hat.

Der Film ist sehr atmosphärisch aufgebaut und ich persönlich spürte, dass die Crew vor Ort waren, wie viel Arbeit in die Authentizität gesteckt wurde. Der Stil des Streifens besteht aus teilweise langen, bildgewaltigen Landschaftsaufnahmen, die fast ununterbrochen von der unaufdringlichen und doch dominanten Musik des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson untermalt werden. Die Dialoge hingegen sind nur einzeln und sehr punktiert gesetzt. Der Fokus liegt daher wenig auf dem Gesagten (mit Ausnahme der gedehnten und betonten Reden von Jesus Christus), teilweise nicht einmal auf den Personen, sondern eher in der Wahrnehmung unterschiedlicher Blickwinkel, getreu dem Motto: Grosse Emotionen brauchen keine leeren Worte.

Die Szenen wirkten auf mich zwar so manchmal sprunghaft, teilweise nicht sofort verständlich. Hinzu kam die spezielle Ausstrahlung einiger Figuren: Judas, in der Bibel sonst klar als humanistisch verkorkst erkennbar, wirkte von allen Aposteln mit Abstand auf sozialer Ebene am meisten greifbar auf mich; umso "unpassender" erschien mir dann dafür sein aus dem Nichts kommender Verrat. Petrus, der liebste Apostel von Jesus, wirkte auf mich umgekehrt sehr distanziert und kühl. Und dann war da noch das Gesicht der Maryam von Magdala, das zwar hübsch und entsprechend ihrem Wesen kantig wirkt, aber auf mich umgekehrt fast schon zu makellos, als wäre sie nicht wirklich vom harten Leben in der Wüste gezeichnet worden. Da fand ich die Darstellerin der Gottesmutter, die sonst gerade im Katholischen immer so äusserlich vollkommen erscheint, doch weitaus weltlicher und in ihrem Wirken echter...

Ist mir schon klar, dass keiner etwas dafür kann, wie er aussieht. ;) Es ist mir halt einfach so ins Auge gestochen. Ebenso aufgefallen ist mir, dass viele Schlüsselszenen, wie sie tatsächlich in der Bibel selbst stehen, sehr kurz gehalten wurden, während unzählige, immer gleich anmutende Wander- und Ruheszenen umso deutlicher ausgefeilt wurden. Quasi alles, was damit wirklich über Maryam von Magdala bekannt ist, wurde somit ausser Acht gelassen: Die siebenfache Dämonenaustreibung wurde als einfache, missverstandene Rebellion abgefertigt, in einem Weinkrampf wohnte sie der Kreuzigung des Messias nicht wirklich im Film bei und die Engelserscheinungen nach der Auferstehung Christi kamen im Streifen auch nicht vor. Auch von anderen Frauen sieht man nichts bzw. nicht viel, wie es in der Bibel geschildert wird. Maryam von Magdala wird stattdessen als einzige Frau an der Seite des Christus porträtiert, was teilweise etwas sehr gestelzt auf mich wirkte, im Grunde sogar verfälscht.

Im Endeffekt fand ich den Film trotz dieser Abzüge einen lohnenswerten Eindruck.
Für mich, die in einer Welt aus überladenen Gotteshäusern und einer Flut an Büchern zum Buch der Bücher alt wird, war es faszinierend zu sehen,
wie einfach die Gläubigen damals lebten und wie sie es teilweise noch heute tun: In einfachen Lehmhütten und sogar in Höhlen, auf dem Boden schlafend, einzig Gottes Wort im Herzen tragend. Ohne Buch, ohne Rosenkranz, ohne alles! Einzig ihren Glauben, die göttliche Botschaft an sich, ist das kostbare Gut, das sie tatsächlich haben.
Fast schon schmerzlich wurde mir bewusst, dass die
Emanzipation damals jenseits aller Vorstellungen lag: Frauen durften nur beten, wann es ihnen zu bestimmten Zeiten erlaubt wurde, nicht "einfach so", wie ich es heute in einer Selbstverständlichkeit darf und kann. Das Zitat einer Gläubigen ist mir im Gedächtnis geblieben: "Wir sind Frauen. Unsere Leben gehören nicht uns. Wie sollen wir handeln, wenn Gott uns das Eine befiehlt und unsere Väter, Brüder und Ehemänner uns das Andere befehlen?"
Was für ein Wirken hat da die Botschaft der Maryam von Magdala, die für ihre Vorstellungen unermüdlich einsteht! Ich kann sonst nicht viel mit dem Kampfgehabe der heutigen Feministinnen anfangen (ja, da habe ich gerade eben aus Prinzip kein dummes Sternchen gesetzt), diesen stillen, anklagenden Fingerzeig fand ich jedoch äusserst eindrücklich und auch gerechtfertigt.

Der Film war trotz sprunghafter Handlungssequenzen durchwegs sowohl visuell als auch musikalich sehr atmosphärisch und entsprechend kurzweilig für mich, trotz seiner Länge. Die Reden eines sehr human inszenierten Jesus Christus fand ich äusserst wirkungsvoll und empathisch in Szene gesetzt.
Trotz lückenhafter Darstellung der namensgebenden Protagonistin empfand ich ihren persönlichen Entwicklungsweg als emotional gut nachfühlbar. Besonders schön fand ich die letzte Erklärung vor dem Abspann: Die Kirche, welche sie einst fälschlicherweise als Hure verschrie, revidierte sich 2016. Unter Papst Franziskus wurde Maryam von Magdala den Aposteln in ihrer Funktion gleichgestellt und sie erhielt sogar ihren eigenen Festtag.
Darüber hinaus fand ich die
deutsche Synchronisation des Films in ihren Stimmen passend und mit dem schönen Detail versehen, dass einige Passagen im Originalton mit Untertiteln versehen waren, welche man nicht zu lesen brauchte, um den Kontext zu verstehen.

Von meiner Seite her also eine klare Empfehlung! :)

Das Gebet aus Eglisau
Voller Frei-Tag

Kommentare


Datenschutzerklärung